Der Schirmherr der LIMA 2010, Gregor Gysi, gibt sich die Ehre. Er dozierte über das Wesen der Rhetorik, garniert mit kleinen Geschichten aus seinem Leben.
Die Kunst der Rede in der Welt der Politik, Vortrag von Gregor Gysi. Freitag, 11.00 Uhr
Gysi begann, wie es sich für einen geübten Rhetoriker gehört, mit den alten Griechen, die die Redekunst bekanntlich erfunden haben. Schnell war er bei der DDR angelangt und konstatierte, dass rednerisches Talent dort in der Politik ein Nischendasein führte. Das wäre allerdings nur aufgrund des fehlenden demokratischen Wettbewerbs möglich gewesen.
Im Weiteren erläuterte Gysi seine Zweckverständnis von Rhetorik. Der Politiker müsse seine Politik für die Menschen übersetzen. „Wer nicht übersetzt, geht in die Politik nur für sich, und nicht für die Bürger“, so Gysi. Die „Lidl-Verkäuferin“, die sich nach der Arbeit noch um ihre Kinder, ihren Haushalt und vielleicht auch um ihren nutzlosen Ehemann kümmern müsse, habe keine Chance mit dem Abgeordneten mitzuhalten, der sich der „Sprache der Gesetze“ bediene.
In dem Moment, wo sie sich durch das Anschauen der Tagesschau für eineinhalb Minuten mit Politik beschäftige, genau dann müsse ein Politiker auch verständlich zu ihr sprechen.
Immer wieder flocht Gysi Anekdoten aus seiner Tätigkeit als (DDR-)Anwalt und Politiker ein. Beispielsweise schilderte er die Reaktionen von einigen SPD-Hinterbänklern, als er, Gysi, noch zu Schröders Zeiten vor dem Bundestag gegen ein rot-grünes Steuergesetz argumentiert hatte. Den komplizierten Sachverhalt brach er dabei auf die Formel herunter, dass eine Bank nun für Verkaufserlöse keine Abgaben, der Bäckermeister aber nun doppelt so viele wie früher zahlen müsse.
In der Folge hätten einige SPD-Abgeordnete offensichtlich das erste Mal bemerkt, was für eine Politik sie dort beschließen sollten. Sie wären nach vorn in die erste Reihe zu Fraktionschef Peter Struck gelaufen, um zu fragen, ob das wirklich wahr sei. Allerdings, so fügte Gysi pointiert hinzu, wurde das Gesetz natürlich trotzdem beschlossen.
Die Geschichte ging übrigens noch weiter: In der erwähnten Rede, so erinnerte sich Gysi, hatte er auch darauf hingewiesen, dass er so eine Politik von Helmut Kohl erwartet hätte, aber nicht von einer rot-grünen-Regierung. Kohl, der damals noch im Bundestag saß, sprach Gysi dann nach der Sitzung an und erklärte bierernst: „Herr Gysi, ihr Rede war gut. Aber ich war nie auf der Seite der Banker, sondern immer auf der der Bäckermeister.“ Das LIMA-Publikum quittierte solche Geschichten entsprechend belustigt.
In ernsthafterem Ton ging Gysi nochmals gesondert auf die Rolle der Rhetorik in Bezug auf die Medien ein. Die Linken könnten einfach nicht ihre Botschaften so vereinfachen wie beispielsweise „die Zeitung mit den vielen bunten Bildern“. Da es aber einfach eine bestimmte Gruppe Menschen mit einem eingeprägten BILD-Leseverhalten gäbe, wären diese für die LINKE nicht zu erreichen. Einen linken Boulevard hielt Gysi für nur schwer möglich.
Wahlen dagegen würden seiner Meinung nach nicht durch Rhetorik entschieden, jedoch sei diese auch nicht bedeutungslos. Gerade der Linkspartei würde es doch „ein bisschen“ helfen, auf die „Professionalität“ ihrer Leute mehr zu achten, um politischen Schaden zu vermeiden. Gysi wies aber gleich auf die Probleme bei der praktischen Umsetzung hin. Auf einer Delegiertenkonferenz könne die Parteiführung nicht einfach die Stimmberechtigten agitieren, einen bestimmen Kandidaten doch bitte deswegen zu wählen, weil dieser ein besonders guter Redner sei. Die Abwehrreaktionen der Basis wären vorhersehbar und sonderlich demokratisch wäre das selbstverständlich auch nicht.
Abschließend fügte Gysi noch an, dass man ohne Überzeugung für eine Sache diese auch niemals rhetorisch überzeugend vertreten könne. Er bekannte sich außerdem zu seinem Ziel, im Alter von 80 Jahren doch endlich mal anzufangen, Englisch zu lernen. Diese Aussage klang allerdings im Gegensatz zum Rest seiner Rede nicht mehr uneingeschränkt überzeugend.
Fotos: Janina Gutermann
Anmerkung: Gysis hielt die Urform seiner Rede über die Rhetorik im Juli 2009 auf der Berliner Volksbühne. Eine Transkription wurde schließlich in der „Zeit“ veröffentlicht.

